„Die Tore zur Welt der wilden Frau sind rar aber von hohem Wert.
Wenn du eine tiefe Narbe zurückbehalten kannst, dann ist das eine Tür.
Wenn du eine uralte Geschichte kennst, dann ist das eine Tür.
Wenn du den Himmel und Ozean so sehr liebst, dass dir das Herz auseinanderspringt, dann ist das eine Tür.
Wenn du dich nach einem tieferen Leben sehnst, einem Leben ohne Spiele und Masken, dann ist das eine Tür“.
Clarissa Pinkola Estés
Ich bin schon vielen Frauen begegnet und konnte nicht selten ein tiefes Paradox in ihnen erkennen: Sie haben alles erreicht, was die Gesellschaft von ihnen erwartet und doch fühlten sie sich leer, abgeschnitten von ihrer eigenen Lebendigkeit. So als würde ihnen etwas sehr Wesentliches fehlen und damit sind sie ganz und gar nicht alleine.
Ich finde, Clarissa Pinkola Estés beschreibt dieses Wesentliche sehr schön bildlich als die "wilde Frau" in uns. Jenen ursprünglichen, ungezähmten Teil weiblicher Psyche, der durch Jahrhunderte der Zivilisation und Anpassung verschüttet wurde. Doch wie finden wir Frauen zurück zu dieser wilden, authentischen Kraft in uns?
Die Psychoanalytikerin und Geschichtenerzählerin Clarissa Pinkola Estés zeigt uns hierzu vier sogenannte Tore, die uns zu dieser ursprünglichen Weiblichkeit in uns zurückführen können. Was zunächst poetisch klingt, hat in meinen Augen nicht nur sehr bewegende, sondern tiefe psychologische Wurzeln, die wieder aufzuspüren sind.
Das erste Tor: Die tiefe Narbe
"Wenn du eine tiefe Narbe zurückbehalten kannst, dann ist das eine Tür."
Aus der Traumaforschung wissen wir heute: Nicht die Verletzung selbst, sondern unser Umgang mit ihr bestimmt, ob sie zur Wunde oder zur Weisheit wird. Eine tiefe Narbe zu "behalten" bedeutet nicht, sich in der Opferrolle zu verlieren, sondern die Verletzung als Tor zur eigenen Tiefe zu verstehen.
Ich selbst bin diesen Weg gegangen, durch meine eigenen, schmerzhaftesten Erfahrungen hindurch und habe dabei zu meiner großen inneren Kraft zurück gefunden. Trennungen, die mich zunächst gefühlt fast zerstörten, haben mich heute zu einer mitfühlenden Begleiterin anderer Frauen gemacht. Mein eigener innerer alter Schmerz der mich gefühlt fast in die Knie zwang, führte mich zurück zu meinem authentischeren Lebensweg. Meine Realisierung dessen, was Illusion war, brach mir im ersten Moment fast das Herz, öffnet es jedoch später für eine tiefere Form von Liebe zu mir selbst.
Die wilde Frau verleugnet nicht ihre Narben sie trägt sie als Zeichen ihrer Überlebenskraft und Verwandlungsfähigkeit.
Das zweite Tor: Die uralte Geschichte
"Wenn du eine uralte Geschichte kennst, dann ist das eine Tür."
Carl Jung sprach von kollektiven Archetypen. Von universellen Mustern, die in der menschlichen Psyche verankert sind. Diese "uralten Geschichten" sind also nicht nur Märchen oder Mythen, sondern Landkarten der menschlichen Seele.
Wenn eine Frau plötzlich versteht, dass ihre Geschichte die Geschichte der Persephone ist, also der Frau, die in die Unterwelt entführt wird und als Königin zurückkehrt, dann erkennt sie: Ihr Abstieg war kein Versagen, sondern eine Initiation. Ihre Dunkelheit war nicht Schwäche, sondern der Weg zu ihrer wahren Macht. Ebenso habe ich es vielfach erleben dürfen.
Diese Geschichten geben unserem persönlichen Leiden einen größeren Kontext. Sie zeigen uns: Du bist nicht allein mit deiner Erfahrung. Millionen von Frauen vor dir sind diesen Weg gegangen. Du folgst einem uralten Muster der Transformation.
Das dritte Tor: Die große Liebe
"Wenn du den Himmel und Ozean so sehr liebst, dass dir das Herz auseinanderspringt, dann ist das eine Tür."
Hier spricht Estés von einer Liebe, die größer ist als romantische Bindung. Von der Fähigkeit zur Ekstase, zur Verschmelzung mit dem Leben selbst. Die Neurobiologie zeigt uns: Menschen, die zu tiefer ästhetischer und auch sinnlicher, zutiefst fühlender Erfahrung fähig sind, haben Zugang zu erweiterten Bewusstseinszuständen.
Diese Frauen spüren ihre Verbindung zur Natur nicht nur intellektuell. Sie fühlen sie auch körperlich. Sie können von einem Sonnenuntergang zu Tränen gerührt werden, von Musik in die Knie gehen, von der Schönheit eines Gedichts völlig überwältigt sein.
Was oberflächlich wie Sentimentalität aussehen mag, ist tatsächlich ein Zeichen für eine intakte Verbindung zur eigenen Lebendigkeit. Die wilde Frau liebt ohne Maß und ohne Scham. Sie kennt noch die ursprüngliche Fähigkeit zur Hingabe an das Leben. Darum halte ich es für so besonders wichtig, dass wir alle Aspekte in uns annehmen lernen. Dass wir beenden, Anteile von uns negativ bewerten und "weghaben" zu wollen. Wir leben in einer Welt der Polarität. Das Eine kann ohne das Andere nicht existieren bzw. erfahren werden. Nur wenn wir bereit sind den tiefen Schmerz und darüber hinaus auch unsere Schattenseiten da sein zu lassen und sie würdigend anzuerkennen, nur dann können wir auch die wunderschönen Empfindungen von Freude zutiefst er-leben.
Das vierte Tor: Die Sehnsucht nach Echtheit
"Wenn du dich nach einem tieferen Leben sehnst, einem Leben ohne Spiele und Masken, dann ist das eine Tür."
Diese Sehnsucht begleitet unzählige Frauen. Sie haben oft gelernt, die "richtigen" Rollen zu spielen, die erwarteten Masken zu tragen. Und sie spüren dabei, wie sie sich selbst verlieren. Erst ganz leise, fast unmerklich. Bis irgendwann ihr Körper zu ihnen spricht, weil nie mal jemand auf ihre Seele hörte...
Aus der Authentizitätsforschung wissen wir: Menschen, die chronisch gegen ihre wahre Natur leben, entwickeln nicht nur psychische Symptome, sondern auch körperliche. Der Körper rebelliert gegen ein Leben, das nicht dem entspricht, was die Seele braucht. Die Sehnsucht nach einem Leben ohne Masken ist daher mehr als ein romantischer Wunsch. Sie ist ein Überlebenssignal der Psyche. Sie zeigt: Es ist Zeit, die Rollen abzulegen und wieder zu werden, wer du wirklich bist.
Der Weg durch die Tore
Diese vier Tore öffnen sich nicht durch Willenskraft oder Technik. Sie öffnen sich durch Anerkennung dessen, was bereits da ist. Du musst dir keine Narben zufügen, du trägst sie bereits. Du musst keine Geschichten erfinden, du lebst sie bereits. Du musst dir die Liebe nicht antrainieren, denn sie wartet in dir. Die Sehnsucht nach Echtheit musst du nicht erzeugen, denn sie treibt dich bereits um. Der Weg zur wilden Frau ist daher kein Weg des Hinzufügens, sondern des Abschälens. Nicht des Erwerbs neuer Eigenschaften, sondern der Befreiung dessen, was schon immer da war.
Warum die wilde Frau heute wichtiger ist denn je
In einer Zeit, die von uns verlangt, uns immer funktionaler, effizienter, angepasster zu werden und uns immer mehr auf unseren denkenden Verstand zu verlassen, ist die Verbindung zur wilden Frau nicht Luxus, sondern Notwendigkeit. Sie ist das Gegengewicht zur Überzivilisation, der Kompass, der uns zu unserer ursprünglichen Wahrheit führt.
Die wilde Frau kennt noch ihre Zyklen, ihre Grenzen, ihre ursprünglichen Bedürfnisse. Sie ist nicht zahm, aber sie ist auch nicht destruktiv. Sie ist lebendig, authentisch, ungefiltert echt und wild und innerlich frei!!!
Deine Tore erkennen
Schau in dein Leben: Welche Narben trägst du, die du bisher als Schwäche betrachtet hast? Welche Geschichten ziehen dich magisch an? Was bringt dein Herz zum Überfließen? Wonach sehnst du dich, wenn du ganz ehrlich bist?
Das sind deine Tore. Sie warten nicht darauf, dass du perfekt wirst oder bereit bist. Sie sind jetzt da. Sie führen dich zurück zu einer Kraft, die nie weg war, sondern bloß in dir verschüttet wurde.
Wenn du bereit bist, durch diese Tore zu gehen und deine wilde, authentische Kraft wiederzufinden, begleite ich dich gerne. Denn manchmal braucht es eine zweite weibliche Kraft an der Seite, die den Weg zurück kennt. Die dir Orientierung und Halt bieten kann, auf deinem Weg zurück zu der Frau, die du schon immer warst.
